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Newsletter Spezial: Juni 2023

Projekt FAMOJA zieht um! Oder: Warum ein Haus bauen, wenn man ein ganzes Dorf errichten kann?


Ich denke zur Zeit oft an eine Geschichte, die man sich in Kenia gerne erzählt. Darin geht es um einen Mann, der sich ein zu Hause, also eine Lehmhütte, bauen möchte. Er baut eine Hütte und empfindet das Dach als nicht schützend genug. So baut er eine zweite, mit optimiertem Dach, und findet nun die Ausrichtung der Hütte zur Sonne nicht stimmig genug. So baut er eine Hütte nach der anderen, in jeder optimiert er etwas, verbessert etwas und lässt sich Lösungen einfallen für Probleme, die ihm vorher gar nicht aufgefallen waren. Als er 15 Hütten gebaut hat, ist er erschöpft und fragt sich, warum er so unfähig war, einfach von Beginn an eine perfekte Hütte für sich zu bauen.

Da kommt ein Mann vorbei und sagt zu ihm: "Was wäre schön daran gewesen, einfach ein zu Hause für dich zu bauen? Dann hättest du nicht gewusst, dass du ein ganzes Dorf erschaffen kannst!"


Ich mag diese Geschichte sehr gerne. Warum ich oft an sie denke?





In Projekt FAMOJA fühle ich mich in letzter Zeit oft wie der Mann, der Schritt für Schritt etwas erschafft, und nach jedem erreichten Ziel etwas sieht und weiß, was ihm vorher nicht aufgefallen war. Oft fühlt es sich zuerst nach Scheitern an, was bei nähererer Betrachtung ein wertvolles und unausweichlicher Schritt im Lernprozess von uns allen ist. So ist es wohl immer im Leben, bestimmt. Und in manchen Projekten oder Phasen wird dieser Prozess des Lernens und Wachsens einem wie durch ein Brennglas vor Augen geführt. In solch einem Brennglas stehen wir mit FAMOJA.


Projekt FAMOJA zieht um!


Viele von euch haben das Projekt FAMOJA von Beginn an verfolgt. Das Hinfiebern auf das Finden eines "perfekten" Stück Landes. Das Schwitzen beim Kauf, das Irren durch den Dschungel von Korruption und Recht. Das Transformieren eines Grundstücks, das Entwickeln, das Ideenspinnen und lange schon: das Hinarbeiten auf die Realisierung eines zu Hauses des Projektes, der Bau des Community Hauses.


Alle Pläne sind da, alle Vorbereitungen in die Wege geleitet, und im April hätte Spatenstich sein sollen. Ich nehme es vorweg: wir haben die Notbremse gezogen.


ZUERST DIE NEUIGKEIT:

Die FAMOJA Mitglieder haben sich einstimmig entschieden, das Projekt näher an seine Mitglieder zu bringen. Das FAMOJA Grundstück, das derzeit 23 km entfernt von Kandongu, also meinem zu Hause und dem zu Hause der meisten FAMOJA Mitglieder liegt, wird verkauft. Stattdessen soll ein Stück Land ganz in unserer Nähe, in Kandongu, gekauft werden. Das Projekt muss umziehen, es muss "nach Hause gebracht werden" bevor ein "zu Hause" gebaut werden kann.


Warum wir glauben, dass dieser scheinbare Rückschritt genau richtig ist?


Weil es uns nicht darum geht ein Haus zu bauen, es geht uns im Grunde darum, ein ganzes Dorf zu erschaffen. Natürlich symbolisch, doch geht es um den Einbezug einer ganzen Dorfgemeinschaft. FAMILIA MOJA heißt "eine Familie" - und eine Familie ist in Kenia eine Gemeinschaft, in der jedes Mitglied eine Rolle spielt, eine Bedeutung hat und sich einbringen kann. Diese Gemeinschaft haben wir, tief verwurzelt, in und um Kandongu. Es ist mein zu Hause, es ist das zu Hause des Schulprojekts Kandongu, das ich seit über 10 Jahren begleite, es ist das zu Hause unserer Kirchengemeinde, der Elterngemeisnchaft und all der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die seit über einem Jahrzehnt verschiedene Wege mit uns gehen, mit uns wachsen und mit uns lernen.


FAMOJA ist ein Projekt von und für die Gemeinschaft, das war uns klar, von Beginn an.


Warum also haben wir dann vor 2 Jahren ein Grundstück in 23 km Entfernung gekauft?

Weil unser Fokus damals dieser war: das "perfekte" Stück Land zu finden. "Perfekt" hieß für uns:

  • Ganzjährige Wasserversorgung durch einen permanenten Fluss, damit die Farm ohne Probleme zu einem Einkommen generierenden Projekt wachsen kann

  • Ein idyllischer Ort mit Bäumen und gewachsener Natur, um die Attraktivität für zukünftigen Öko-Tourismus zu gewährleisten

  • Direkte Anbindung an eine lokale "Community" zur direkten Einbindung - das bekamen wir durch ein Grundstück das sowohl eine Kirche, als auch eine Grundschule benachbart.

  • Fruchtbare, rote Erde



Wir fanden dieses für uns "perfekte" Land. Uns war klar, dass ein täglicher Besuch der Farm in dieser Entfernung nicht möglich sei, doch empfanden wir die Entfernung nicht als allzu herausfordernd, da von Beginn die Anstellung eines Farmarbeiters vor Ort mit eingeplant war. Und so kam es auch.


Was haben wir damals unterschätzt?

  • Die Aufbauarbeit, die wir alle (als Lehrer:innen, katholische Brüder, Sozialarbeiter:innen, Farmer, Gemeindemitglieder, Freunde) in unserem zu Hause Kandongu seit einem Jahrzehnt geleistet haben. Dass wir an dem unbekannten Ort auf Ebene des sozialen Netzwerkes und gemeinschaftlichen Vertrauens bei 0 anfangen würden, wussten wir, dass uns so tiefe Vorurteile und viel Misstrauen entgegen kommen würden, wie wir es jetzt erleben, hatten wir nicht gedacht. (Ein Projekt "von Weißen", da ist bestimmt viel zu holen...).

  • Die Langsamkeit, die ein Projekt in seiner Entwicklung hat, wenn diejenigen, die dafür brennen, nicht täglich vor Ort "den Funken" immer und immer wieder entfachen können. Wir hatten unzuverlässige Farmarbeiter und potenzialreiche. Das Projekt wirklich tragen und repräsentieren konnten sie jedoch immer nur solange eine:r von uns Mitgliedern vor Ort war, um mit Unterstützung, Inspiration und innerem Feuer zu motivieren.

  • Die Möglichkeit, die ein Ganz-nah-dran-Sein für uns gibt, um einen auch scheinbar wenig attraktiven Ort (ohne Fluss, ohne alten Baumbestand) in kürzester Zeit zu transformieren. Dass das mögilch ist, habe ich in meinem eigenen Bauprojekt meines zu Hauses erfahren. Nach nur einem Jahr habe ich aus einer Wüste schon eine Oase gezaubert - mit täglicher Hingabe und der Unterstützung meines gesamten Netzwerkes um mich herum.

Die Grundstücke in und um Kandongu sind teurer als in der Gegend, wo unsere FAMOJA Farm jetzt gerade ist. Grundstücke mit Bäumen und Flüssen gibt es kaum. Doch sind wir alle uns einig: Selbst ein kleineres Stück Land kann in Mitten dieses Ortes, in dem wir alle leben und wirken eine rasante Entwicklung erfahren, in kürzester Zeit. Die Community ist da, das Vertrauen ist da, die jahrelang aufgebaute Wirken im Zentrum der Gemeinschaft ist da - und daran können und möchten wir anknüpfen.


Ein Community Haus an einem Ort zu bauen, der nicht ausreichend supervisiert werden kann und in dem wir das vertrauen der umliegenden Gemeinschaft noch nicht genießen, wäre unverantwortlich.


Einstimmig haben die Mitglieder von FAMOJA sich also entschieden:

  • Das FAMOJA Grundstück wird verkauft. Inklusive aller Entwicklungen vor Ort (Zaun, Tor, Arbeiterhütte, Wasserstand, Tank, Solarstand, Wasserpumpsystem). Der Verkaufspreis ist selbstverständlich so angesetzt, dass kein Verlust entsteht.

  • Wenn der richtige Käufer gefunden ist (das ist ein Prozess, der hier mehrere Dutzend Mittelmänner einbezieht und der mit aller Achtsamkeit und Vorsicht behandelt werden muss - daher: keine Eile!) wird ein Grundstück in Kandongu gefunden und gekauft. Unsere Prinzipien: 1.) max. 10 min von allen Mitgliedern von FAMOJA entfernt um tägliche Supervision zu ermöglichen. 2.) Grundwasser vorhanden, für Brunnengrabung, 3.) fruchtbare Erde.

Was haben wir verloren?

Wenn überhaupt, dann Zeit, jedoch kein Geld. Selbstverständlich sind die Mittel für den Bau des Gemeinschaftshauses unangetastet.


Was haben wir gewonnen?

Viel. Als FAMOJA Gemeinschaft lernen wir durch jede Entscheidung und jeden Schritt dazu. Wir werden uns bewusster über die Ressourcen, die jede:r einzelne von uns mitbringt und durch das eigene Wirken seit Jahren täglich in unser Gemeinschaftsnetz einbringt. Wir werden uns klarer darüber, was wir schon haben - also woran wir anknüpfen können - und was wir erreichen können, wenn wir uns trauen uns selbst zu hinterfragen, immer und immer wieder. Wir sind uns bewusst geworden, welches Geschenk das FAMOJA Projekt für unsere Kandongu Gemeinde sein kann, für die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die seit Jahren im Schulprojekt und darüber hinaus "durch unsere Hände" gehen. Ein Schatz, den wir jetzt erst bereit sind zu bergen, nach 2 Jahren Erfahrung, Lernen und Erkennen mit und an einem fremden Ort, in dem wir alle als Fremde und bei 0 beginnen.


Ist in der Zwischenzeit Stillstand bei FAMOJA?

Nein. Während wir weiterhin nach dem stimmigen Käufer suchen, bauen wir unser Geschäftsmodell für die selbstgegossenen Mauersteine aus, die Grundlage für unser Gemeinschaftshaus sind. Die Maschine für die Herstellung per Hand wurde bestellt und geliefert. 4 unserer Mitglieder wurden bereits in der Herstellung der ökonomisch und ökologisch vorteilhaften Steine ausgebildet, für die kaum Zement und die eigene Bodenerde verwendet werden kann. Mehrere Anfragen zum Kauf unserer hergestellten Steine sind bereits bei uns eingegangen. Dieses Geschäftsmodell werden wir in dieser Zeit ausbauen, um eigene Einnahmen zu generieren.


Über das Mauerstein-Projekt und alle weiteren Entwicklungen halte ich euch gerne in dieser Phase regelmäßiger auf dem Laufenden.


Bis 02. Juli bin ich noch in Deutschland und kann einfacher persönliche Telefonate führen, falls du Fragen zu den Entwicklungen bei FAMOJA hast - melde dich gerne bei mir per Mail.


Ich bin glücklich und erleichtert über unsere Entscheidung! Ich möchte mich bedanken bei jedem und jeder von euch! Für euer mit-uns-Sein, für euer mit-uns-Wachsen, für euer Vertrauen, für euer Dorfbauen, Haus für Haus!


Von Herzen DANKE!

Jana








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