Have you ever felt the Rain?

Wie ich an die Heiligkeit des Regens erinnert wurde


Letzte Nacht kamen sie, die ersten Regenfälle. Das Gefühl zu beschreiben, das damit einhergeht, ist beinahe unmöglich. Es ist diese Mischung aus Aufregung, Freude, Dankbarkeit und dem tiefen Wissen, dass wir von der Natur gesegnet wurden. Es ist der Moment, in dem all die Spannungen, Ängste und Sorgen, die wochen- und monatelange Trockenheit mit sich bringen kann, von uns abfallen. Diese Zeit in der keiner weiß, wann die Trockenzeit zu Ende geht und in der alle hoffen, dass sie es wird. "Ein Farmer ist der letzte, der die Hoffnung verliert", sagt Bruder Francis oft zu mir, und ich glaube, es stimmt.

Er und alle anderen hier, die von der Landwirtschaft leben und überleben haben die Hoffnung nie verloren, auch nicht, nachdem drei aufeinanderfolgende Regenzeiten ausfielen... das heißt, mehr als ein Jahr ohne richtige Regenfälle. Er erinnert sich an die Zeit – und auch ich kann mich erinnern – als wir uns darauf verlassen konnten, dass der Regen wie erwartet eintraf, als die Farmen rechtzeitig vorbereitet wurden und nicht aus Regenmangel vertrockneten. Als wir wussten, dass Regenzeit nicht einfach nur Regen bedeutet, sondern afrikanischer Regen, der in einer Intensität vom Himmel fällt, die einen sprachlos macht, auch weil das Prasseln dieser Wassergewalten auf unseren Welllechdächern kein gesprochenes Wort durchlässt;)



Das Gefühl vom fehlenden Wasser


Das letzte Jahr war eines der schwersten für Ostafrika. Während die Welt damit beschäftigt war, die Covid-Zahlen zu zählen, starben in Teilen von Ländern wie Kenia, Somalia und Äthopien Menschen und Tiere aufgrund der anhaltenden Dürre... Schätzungsweise 250.000 Kinder in Ostafrika sind verhungert, und bis Dezember 2021 sind über 12 Millionen Menschen von den Auswirkungen dieser historischen Dürre bedroht. Bei diesen Zahlen handelt es sich um Schätzungen, und Statistiken sind sicherlich nie so zuverlässig nachgehalten wie jene für andere Katastrophen auf der Welt...


Der Ort, an dem wir hier leben, in den Ebenen um Mount Kenia, zählt zu den fruchtbaren, grünen Gegenden. Der Grundwasserspiegel ist recht hoch, Brunnen können helfen, die Trockenzeiten zu überstehen. Anfang 2021 gelang es unserem Projekt Kandongu einen Brunnen zu errichten, der seitdem die Wasserversorgung der Farm, die Trinkwasserversorgung und den täglichen Wasserverbrauch für die gesamte Schule, einschließlich der vor Ort lebenden Lehrer und der Gemeinschaft der Brüder sicherstellt.


In diesem Jahr hat der Brunnen einen alarmierend niedrigen Pegelstand erreicht. Er konnte die Farm nicht mehr versorgen und unsere Bording-Kinder (über 30 Kinder, die während der Schulmonate hier an der Schule leben) hatten kein Wasser zum Putzen, Waschen und Duschen. Fahrten zum nahegelegenen Bohrloch der Gemeinde sind seither an der Tagesordnung.

Andere Regionen hatten nicht so viel Glück. Und nicht jeder hat den Luxus, die Wassereimer mit einem Schulbus transportieren zu können. Selbst alte Männer und Frauen schleppen das Wasser von weit her oder mit Eselskarren und entscheiden sich, wochenlang keine Wäsche zu waschen, um nicht die minimale Sicherstellung des Trinkwassers zu gefährden.



Unsere Schuljungs gießen nach ihrem täglichen Ausflug zum Gemeinschaftsbrunnen Wasser in unseren Wassertank:


Das Gefühl des nassen Segens


Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich die Heiligkeit des Regens nicht ganz verstanden hatte. Natürlich verstand ich die Notwendigkeit von Regen, aber ich fühlte sie nicht. Jeder Beginn der Regenzeit löste in mir automatisch die "Regenlaune" aus, die mir in meinem deutschen Umfeld angeeignet hatte. Jene Stimmung, die meist negativ konnotiert ist, die mit "Schietwetter-Stimmung" einhergeht und die für viele ein Stimmungstief oder sogar depressive Phasen bedeutet. Sie bedeutet "besser im Bett bleiben, bis alles vorbei ist". Viele Jahre lang war ich überrascht, wenn der Regen einsetzte und alle hier in Kenia jubelten, aufgeregt waren, sich freuten und vom Segen sprachen, der eingetroffen war. Verständlich... aber es hat viele Jahre gedauert, bis sich meine inneren Muster aufweichten und ich den Regen und den damit verbundenen Segen wirklich fühlen konnte.


Ich möchte ein paar Zeilen aus einem Buch zitieren, das ich vor einigen Monaten gelesen habe. Leider ist mir die vollständige Quelle und den Namen des Autors nicht mehr zugänglich. Eine namibische Frau, die nach vielen Jahren in den Westen gezogen war, erinnert sich:


"Wenn wir aus unseren Fenstern schauen und der leichte Regen gegen die Fensterscheiben plätschert, laufen wir – für gewöhnlich - nicht aus dem Haus um ihn zu begrüßen. Wir tanzen auch keinen Regentanz mit den Nachbarn, um unserer Freude Ausdruck zu geben für das köstlich kühle Nass aus dem alles Leben entsteht. Nicht wie in Namibia, wo ganze Familien sich zum Picknick verabreden um den Regen gebührend zu feiern.

Haben wir das Staunen und die Dankbarkeit verlernt? Oder wissen wir nicht mehr, wie diesem elementaren Glücksgefühl, am Leben zu sein, Ausdruck zu geben, weil hier und im Erwachsensein andere Sitten herrschen? Ist Regen kein Segen des Himmels mehr, weil wir ihn glaubten nicht mehr erbitten zu müssen?"


Meine Freunde hier erinnern sich an die Zeiten, in denen sich die Ältesten des Dorfes versammelten, um zu Orten rund um Mt. Kenia zu gehen, die ihnen heilig waren. Sie gingen los, wenn keine Wolke am Himmel zu sehen war und beteten dort für Regen. Nach einigen Stunden kamen sie zurück: begleitet von heftigen Regenfällen. Das war, bevor das Christentum hier vollständig Einzug hielt...


In den letzten Wochen der Dürre, des Staubs, der leicht ausbrechenden Brände und der angespannten Atmosphäre, als wir der Ernte beim verdörren zusahen und fürchteten, dass die anstehende Regenzeit wieder ausfallen würde, ertappte ich mich oft bei dem Wunschgedanken, die Ältesten würden noch die Praktiken dieser alten Zeiten beherrschen, wünschte sie wüssten noch um die Heiligkeit dieser Orte, die sie einst aufsuchten, dass ihnen die Gebete noch vertraut wären, mit denen sie sich mit der Natur zu verbinden wussten und mit denen sie Regen zurückbrachten, ganz selbstverständlich.


"Ist Regen kein Segen des Himmels mehr, weil wir ihn glaubten nicht mehr erbitten zu müssen?"

Welche spirituelle oder nicht-spirituelle Verbindung wir auch immer an verschiedenen Flecken dieser Erde zu den Kreisläufen des Lebens haben mögen, ich wünsche mir, dass jeder Mensch einmal das Gefühl erlebt, zutiefst gesegnet zu sein mit dem Geschenk des Lebens, durch das Einsetzen von Regenfällen. Dieses Gefühl, dass man am liebsten vor Freude weinen und vor Begeisterung tanzen möchte.


Was ist dein erster Gedanke, wenn es zu regnen beginnt?

Die Dürre in Ostafrika ist noch nicht vorbei. Diese erste Nacht mit Regenfällen rettet niemanden und keine Farm. Wir beten immer noch für Regen, jede/r auf seine/ihre Weise. Und ich selbst bete dafür, dass die Menschen dort, wo ich herkomme, spüren, dass diese Dürre keine afrikanische Dürre ist. Es ist eine Dürre unseres Planeten, eine Dürre der Menschheit und der Regen ist der notwendige Segen für uns alle, um weiterhin am Geschenk des Lebens teilhaben zu können.


Note: Ein Update über die laufenden Prozesse in den Projekten folgt in Kürze. Vielen Dank an alle Unterstützenden für eure Geduld.


Wie ich diese Zeilen beende, erscheint ein Regenbogen über unserer Schule. Ein Bild, das ich gerne mit euch teile:





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