Der Fluss, den ich nicht wollte
- vor 22 Stunden
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Eine Geschichte über Aushalten, Reis und die Frage, was Fortschritt bedeutet

Heute morgen kam der neue Fluss an.
Seit mindestens 6 Jahren versprechen die Behörden: Bald wird Wasser kommen. Wir leben nur 2km von den größten Reisplantagen Ostafrikas entfernt, die regelmäßig mit Wasser aus einem nahegelegenen Damm geflutet werden. Trotzdem fehlt es den Menschen in unserer Nachbarschaft an Wasser, regnet es mehr als 3 Wochen nicht, laufen viele täglich mit ihren Kanistern zu den nächstgelegenen Brunnen und Wasserstellen. Das letzte Mal hat es vor über 3 Monaten geregnet.
Die Luft ist staubig, die Erde gerissen.
Als Titus heute morgen zur Arbeit auf unserer Projektfarm erscheint, ruft er mich: "Jana, hast du es schon gesehen?" "Nein, was meinst du?" Er ist ganz aufgeregt. "Sieh, wir haben ihn endlich hier hergebracht - den Fluss!"
Ich schmunzle. Wie oft habe ich Titus schon scherzhaft den Auftrag gegeben: „Sag mal, kannst du nicht irgendwo einen Fluss auftreiben und hierherbringen?“
Die Kikuyus sind berühmt berüchtigt für ihr Talent im Lösungen finden, wo eigentlich keine sind. Manchmal sind diese Lösungen kreativ, manchmal grenzwertig, manchmal beides. Einen Fluss zu klauen und hierher zu verlegen, war jedenfalls bisher meine imaginäre Testaufgabe für Titus gewesen.
Doch damit hatte ich nun nicht gerechnet: Ein Fluss ist da, wo vorher keiner war - nicht mal ansatzweise! Über Nacht, nur ca. 100 Meter fließt er vor unserer Farm, durch die Weite, die bis gerade noch nichts als dürre, rissige Erde zeigte.
Wir laufen hin und sehen alle benachbarten Farmer, mit Schaufeln, mit Spaten, sie machen den Fluss tiefer und graben Abzweigungen zu ihren trockenen Maisfeldern. Einer der Reis-Wasserkanäle wurde auf großen Druck der Bevölkerung hin fortgeführt und liefert jetzt erstmals Wasser in unsere Richtung.
Titus ist begeistert, auch seine Farm wird davon profitieren.
Und ich? Nachdem ich realisiere, dass es wahr ist, dass wirklich Wasser unsere Felder erreicht, rutscht mein Herz in die Hose. Ich freue mich nicht, ich fühle Schmerz, Trauer und Widerstand.
Ich möchte diesen Fluss nicht.
Direkt schäme ich mich für den Gedanken. Seit Jahren setze ich mich für die Farmer*innen hier ein. Seit Jahren deute ich auf das Wasserproblem hin. Und jetzt habe ich ein Problem mit einem neuen Fluss in unserer Nachbarschaft?

Ich weiß, was dieser Fluss wahrscheinlich bringen wird. Titus scheint zu ahnen, was ich denke und bestätigt meine Angst: "Überall auf der anderen Seite des Feldes haben sie schon angefangen, ihre Reisfelder vorzubereiten." Es fühlt sich an, als würde mein Herz brechen - und wieder schäme ich mich dafür.
Für die Farmer*innen, die heute mit ihren Spaten im trockenen Boden stehen, bedeutet der Fluss vor allem eines: eine neue Möglichkeit. Sie können ihre Felder bewässern, verlässlichere Ernten einfahren, Geld verdienen. Vielleicht können sie damit Schulgebühren bezahlen, ein Haus bauen, ihre Familie versorgen.
Ich sehe gleichzeitig etwas anderes: Mehr Reisfelder. Mehr Monokultur. Mehr Pestizide und Dünger, die über die Wasserkanäle in die Böden gelangen. Mehr zerstörte Böden, noch schlechtere Wasserqualität. Eine Landschaft, die sich verändert. Eine Erde, die abgetragen und geflutet wird. Indigene Kräuter, die verschwinden. Weideflächen für Ziegen und Kühe, die verschwinden. Reis, so weit das Auge reicht.
Wir sehen denselben Fluss. Aber wir sehen unterschiedliche Zukunftsmöglichkeiten.
Für mich bedeutet dieser Fluss möglicherweise den Verlust dessen, was wir hier schützen wollen. Für die Menschen, die heute ihre Felder bewässern, bedeutet er eine Chance, auf die sie seit Jahren warten.
Und wie sooft in meiner Projektarbeit gilt es auszuhalten, dass beide Realitäten gleichzeitig wahr sind.
Ich fühle Verzweiflung, es fehlt mir an den richtigen Worten. Ich sage nur zu Titus: „Der Fluss kommt zu früh.“ Er versteht, was ich meine. Seit Jahren kämpfen wir Seite an Seite für dieselbe Sache. Doch er ist seit seiner Geburt Teil von ihnen, den Farmern der Nachbarschaft. Er freut sich unglaublich mit ihnen.
Warum kommt der Fluss zu früh? Natürlich wünsche ich den Menschen hier Wasser. Natürlich wünsche ich ihnen bessere Ernten, mehr Einkommen, mehr Möglichkeiten. Ich wünschte mir nur, wir wären schon etwas weiter. Dass wir schon mehr Farmer und Farmerinnen erreicht hätten. Dass wir schon mehr Alternativen zeigen könnten, bevor der Reis sich über die Felder ausbreitet. Seit einiger Zeit experimentieren wir mit organischem Reis-Anbau, wir brauchen noch mehr Zeit, für eine langfristige Lösung.
Und wieder weiß ich: Das muss ich aushalten.
Dass etwas gleichzeitig gut und beängstigend sein kann.
Dass ich eine Entwicklung unterstützen kann und trotzdem Angst vor ihrer Richtung habe.
Dass meine Vision für diese Region eine andere sein kann als die Vision eines Menschen, der hier seit Generationen lebt. Und dass ich zwar nicht das Recht habe, für ihn zu entscheiden – aber die Verantwortung, seine Vision zu verstehen, um gemeinsam mit ihm alternative Wege dorthin zu entdecken.
Wir gehen zurück zur Farm und ich atme eine Weile durch, damit ich wieder sehen kann:
Natürlich ist der Fluss gut. Wasser ist gut.
Der Fluss ist nicht das Problem. Die Frage ist, was wir mit ihm machen.
Vielleicht kann dieser Fluss sogar zu unserer Chance werden. Vielleicht können wir zeigen, dass Wasser nicht automatisch in Richtung Monokultur fließen muss. Dass Landwirtschaft das Wasser nicht verschmutzen muss. Dass wirtschaftlicher Erfolg möglich ist, ohne den Boden auszubeuten. Dass gesunder Boden, Vielfalt und ein funktionierendes Ökosystem selbst eine Form von nachhaltigem Reichtum sind.
Das ist es, woran wir bei FaMoja glauben, was wir praktizieren und weitergeben.
Aber sind wir schnell genug?

Haben wir genug Zeit, genug Menschen zu erreichen, bevor sich der Reis über die Felder ausbreitet?
Ich weiß es nicht.
Manchmal fühle ich mich mit dieser Vision unglaublich klein. Den Wasserarm können wir nicht aufhalten. Wir können nicht entscheiden, wie sich eine ganze Region entwickelt. Wir können nur unseren Teil tun: zuhören, zeigen, ausprobieren, inspirieren. Eine Farmerin, einen Jugendlichen, einen Schritt nach dem anderen.
Vielleicht reicht das.
Im Oktober starten auf unserer Farm wieder unsere regelmäßigen Farmer's Trainings und Jugendkurse.
In diesen Tagen bereitet sich unser Team vor: Was möchten wir den Farmern mitgeben, was können sie direkt praktisch anwenden? wie können wir sie auf dem Weg in regenerative Landwirtschaft begleiten?
Diese Planungstreffen geben uns immer Hoffnung.
Wir werden den Fluss nicht aufhalten. Bestimmt auch den Reis nicht.
Aber wir können einen anderen Fluss in Bewegung bringen.
Einen Fluss aus Wissen, Ideen und Menschen, die glauben, dass Fortschritt nicht auf Kosten dessen gehen muss, was uns überhaupt erst am Leben hält.
Dafür brauchen wir Unterstützung: für unser Team, weitere Trainings, die Ausbildung von unseren lokalen Farmer-Trainer*innen und dafür, dass FaMoja langfristig selbsttragend werden kann.
Du kannst uns dabei unterstützen – einmalig oder regelmäßig. Du kannst von unserer Arbeit erzählen, Njoki weiterleiten oder eine Idee von hier mitnehmen und weitertragen.
Denn was hier im kleinen Dorf passiert, ist gar nicht so lokal, wie es aussieht. Wasser kennt keine Grenzen. Böden kennen keine Grenzen. Und die Erde, auf der wir leben, ist dieselbe, hier wie dort.
Der neue Fluss ist da. Und wir pflanzen weiter.
Und wir können dafür sorgen, dass es mehr als einen Weg gibt, den das Wasser nehmen kann.
Danke, dass du mit dabei bist!
Alles Liebe aus Kenia,
Jana





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