Wie geht eigentlich Gemeinschaft?

Von den Geheimnissen kenianischen Zusammenlebens - krisensicher?


Für Gemeinschaftsleben gibt es kein Rezept. Für Erziehung sowieso nicht. Und doch glauben wir oft zu wissen, dass unser Weg der einzig richtige ist. Das von mir zu Beginn als "oberflächlich" und "kalt" empfundene Familien- und Gemeinschaftsleben Kenias lösen heute tiefe Bewunderung bei mir aus und beweisen - gerade in dieser Krisenzeit - Vorbildcharakter.



Eltern, die ihre Kinder abschieben?


Wo ich aufgewachsen bin, wird schon ein äußerst schwerer Sozialfall vermutet, wenn ein Kind nicht in der eigenen Familie aufwächst, sondern jahreland zu Verwandten 'abgeschoben' wird. Und diesen neuen 'Eltern auf Zeit' würde man ein großes Opfer zusprechen, das sie geben, um ein Kind großzuziehen, das nicht das eigene ist. In 'gutbehüteten' Familien bekommt das Kind außerdem nach dem Schultag ausreichend Aufmerksamkeit der Eltern, ein "wie war die Schule heute?" ist ein Muss und das Abendessen des Kindes bei der befreundeten Nachbarsfamilie kann nur mit vorzeitiger Planung und mit der telefonischen Übereinkunft der Eltern geschehen. So, lernte ich, geht 'wohlbehütet'...


Dann erlebte ich Kenia, wo unzählige Familien ein 'Kuckucksind' unter ihren Fittichen haben, wo kaum eine Mahlzeit ohne spontane (vor allem kleine) Gäste stattfindet, wo die meisten Kinder schon ab der vierten Klasse in die Bordingschool gehen - also in internatsähnlichen Strukturen an der Schule leben und nur zu den Ferien, alle 4 Monate, nach Hause kommen. (Mehr zu Boarding Schooling findest du in meinem Beitrag "Schlafsäle an einer Schule - wozu?").


"Kann das Elternliebe sein?"

Nein, nicht nur Eltern lieben 'ihre' Kinder, sie lieben alle Kinder. Ein Kind hat nicht eine liebende Mutter, es hat viele.

Denn in Kenia gelten zu großen Teilen (noch) die wunderbaren kulturellen Gesetze der Gemeinschaft, die nicht am Rande der Kernfamilie endet. Ja, natürlich besteht Familienbande. Und wie. Nur eben ein bisschen dezentralisierter: Die Familie ist das ganze Dorf. Ein ganzes Dorf erzieht ein Kind.


Jeder der inzwischen 44 Stämme hat da seine ganz eigenen Gesetzen. Bei den Kikuyus, der größten ethnischen Gruppe Kenias, erlebe ich es so:

Eine "Mama" ist Mama für Viele und wird von allen Kindern im Alter ihrer Söhne und Töchter auch so genannt. So nimmt sie ganz selbstverständlich z.B. für mehrere Jahre die Kinder ihrer Schwester bei sich auf - vielleicht weil sie die bessere Schule in der Nachbarschaft hat, oder mehr finanzielle Mittel für die Schulbildung. Ein Kind mehr oder weniger, darauf kommt es nicht an. Das eigene, nicht das eigene - das sind hier dehnbare Begriffe.


"Shosho" ("Oma") ist jede ältere Frau im Alter einer Großmutter und sie wird auch von allen Kindern der Community so genannt, Blutverwandschaft hin oder her. Und man nennt sie nicht nur so, man behandelt sie auch so. Man hilft und unterstützt, als wäre es die eigene, die Großmutter der großen Gemeinschaft, der man angehört.

Oft habe ich mich gewundert, wie viele Opas ein Kind hat, das in regelmäßigen Abständen zur Beerdigung "seines Opas" geht. Doch es geht hierbei nicht um den Vater der eigenen Eltern. Jeder Bruder der Großväter und jeglicher Mann in deren Alter ist "Guka", ist "Opa". Alle Frauen, die noch keine Mütter sind, sind "Aunties", "Tanten", die sich - ohne dass es jemand aussprechen müsste - für ihre 'Töchter' und 'Söhne' verantwortlich fühlen, verwandt oder nicht verwandt.


"Wie viele Frauen es hier gibt, die mich ihre Tochter nennen! Wie viele Gleichaltrige, die mich ihre Schwester nennen! Ich bin eine Tochter dieser Gemeinschaft und somit automatisch "Tante" aller Kinder, die in diesem Bund leben. Das sind nicht nur Titel, das ist eine Ehre, die zugleich große Verantwortung und das Gefühl der Zugehörigkeit mit sich bringt."

Verantwortung als gemeinsame Aufgabe


Das macht verantwortlich für Viele. Doch gleichzeitig nimmt es die Last der alleinigen Verantwortung für die Familie. Und darin erlebe ich den herausragenden Unterschied zu der Art von Gemeinschaft, in der ich aufgewachsen bin. Wir glauben uns oft unabhängig, weil wir nicht mehr mit den Großeltern in einem Haus leben, unsere Kinder selbst ernähren und ein zu Hause geschaffen haben, in dem Erziehung und Familienleben in Privatsphäre stattfinden können. Doch liegt darin gleichzeitig die große Abhängigkeit von unserem Einkommen um alle Rechnungen, Miete, Versicherungen und Kredite selbst zu bezahlen. Um Herausforderungen alleine zu meistern und um immer genug Ressourcen und Kräfte zu haben, für die Kinder da zu sein, zu kochen, Hausaufgaben zu betreuen... Gut, solange es funktioniert. Die aktuelle "Krisensituation" hat gezeigt, es funktioniert nicht immer. Und dann?


Wie viel Mut kostet es uns, jemanden um finanzielle Hilfe zu bitten - und erst außerhalb der Familie! Wie unanständig ist es, den Nachbarn nach seinem Monatsgehalt zu fragen. Und wie viele Menschen wissen wirklich, welches Vermögen wir auf diversen Bankkonten sparen? Wird es nicht unverschämt, mehr als einmal im Notfall die Nachbarin zu bitten, spontan auf das Kind aufzupassen, das im Homeschooling keine BetreuungIn meiner Erfahrung hat Corona die große Mehrheit der Menschen hier nicht nachhaltig finanziell geschwächt. Anders als zum Teil in Deutschland. Das Netz der Gemeinschaft hat weiterhin getragen, die Vielen haben weiterhin den Einzelnen unterstützt, das eigene Feld war weiterhin Grundlage zum Leben. Und auch Herausforderungen wie die 9-monatige Schließung von Schulen wurden hier gemeinschaftlich gemeistert. Denn Kinderbetreuung ist in einem Dorf, in dem es kein isoliertes Leben und ein erweitertes Verständnis von 'meins' und 'deins' gibt, nicht der Rede wert.rt.t.




Teilen als Gesetz der Gemeinschaft - ein krisensicheres Netz


Die Coronazeit in Kenia zu erleben hat mir an verschiedenen Stellen gezeigt, wo diese Art von gelebter Gemeinschaft uns Vorbild sein kann. Nein, die meisten haben nicht viel, doch sie haben das Netz der Gemeinschaft. Beerdigungen, Hochzeiten, Schicksalsschläge - für jegliche erwartete oder unerwartete Gelegenheit, in der das alltägliche Brot die Kosten nicht decken kann springt selbstverständlich die Gemeinschaft ein.

Eine Beerdigung wird niemals aus der Tasche des Verstorbenen oder seiner Familie bezahlt. Das ist ungeschriebenes Gesetz. Die Gemeinschaft versammelt sich über Tage, formt ein Kommitee, organisiert die Beerdigung und veranstaltet ein 'Harambee', ein Fundraising, zu dem das ganze Dorf kommt. Jeder bringt, was er kann. Die kleinsten Beiträge, ob ein paar Schilling oder ein Sack Reis, sind willkommen und lassen am Ende keine Rechnung offen.


Neben den religiösen Gemeinschaft gibt es viele kleine Untergruppen. Jeder meiner Freunde hier ist in mehreren solcher Netzwerke vertreten. Das kann z.B. eine What's App Gruppe für LehrerInnen sein. Jedes Mitglied bezahlt wenige Schilling, falls z.B. ein Kind oder Elternteil eines Mitgliedes eine Krankenhausrechnung zu bezahlen hat. Die Regeln sind klar, wer nicht bezahlt, fliegt aus der Gruppe und verliert auch deren Unterstützung im eigenen Notfall. Mehrere Hunderte oder Tausende Mitglieder haben solche Gruppen - die Menschen, die im eigenen Notfall bezahlen, sind einem also zumeist unbekannt. Das ist Versicherung durch Vertrauen und nur möglich auf der Basis der Selbstverständlichkeit darüber, dass das Leben nur in gelebter Gemeinschaft zu bewältigen ist.


Solange die Menschen sich hier als Netz und als Großfamilie verstehen, das trotz - oder gerade wegen - der unzuverlässlichen Regierung zusammenhält, bleibt ihr System zu großen Teilen krisensicher.


"In meiner Erfahrung hat Corona die große Mehrheit der Menschen hier nicht nachhaltig finanziell geschwächt."

Anders als zum Teil in Deutschland. Das Netz der Gemeinschaft hat weiterhin getragen, die Vielen haben weiterhin den Einzelnen unterstützt, das eigene Feld war weiterhin Grundlage zum Leben. Und auch Herausforderungen wie die 9-monatige Schließung von Schulen wurden hier gemeinschaftlich gemeistert. Denn Kinderbetreuung ist in einem Dorf, in dem es kein isoliertes Leben und ein erweitertes Verständnis von 'meins' und 'deins' gibt, nicht der Rede wert.


Mehr zum Thema kenianische Gemeinschaft gibt's hier im Kurzbeitrag von Br. Francis Macharia live aus Kenia! ein langjähriger Freund, Schuldirektor des Projekts Kandongu und Mitglied des Projekts FaMojas.


#community #communalliving #harambee #allforone




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