Geschichte

wozu helfen und warum hier?

„I give you the name Njoki – for it’s the one who went and came back.“ – Br. George

Im Februar 2013 kam ich zurück nach Kandongu, dem kleinen Dorf am Fuße des Mt. Kenya. Vier Monate waren vergangen, seit ich die kleine Schule mitten im Nichts und die Brüder, die hier lebten, nach nur zwei Tagen verlassen hatte. Die Gründe für mein Weiterziehen waren verschiedene gewesen, von welchen jetzt, vier Monate später, keiner mehr wichtig war.

SAM_2877

Vier Monate früher: Am 28. September 2012 landete ich im Flughafen in Nairobi mit dem Ziel, die nächsten neun Monate in einem Waisenheim in den Aberdares zu verbringen. Ich war damals 18 Jahre alt, meine Vorstellungen von Afrika die aus Bilderbüchern und meine Intentionen für meine Freiwilligenarbeit Abenteuerlust und die Überzeugung, mit den Kindern im Waisenheim und meiner Gitarre im Gepäck einen Kinderchor gründen zu können.

Ein Jahr im Voraus hatte ich mir die Stelle im Waisenheim „St. Gerald’s Children Center“, das von katholischen Brüdern der Brüderschaft „Brothers of St. Joseph“ geführt wird, sorgfältig ausgesucht. Einer der Brüder holte mich, wie abgemacht, am Flughafen ab, mit der Nachricht, im Waisenheim sei im Moment kein Platz für mich frei, weshalb er mich an eine andere Schule der Brüder bringen würde. Meine Widerrede und mein Beharren auf die im letzten Jahr getroffenen Absprachen und Planungen, beeindruckten den Bruder herzlich wenig.

SAM_1016

Der Ort, an dem wir mitten in der Nacht ankamen, war Kandongu, die Schule das „Father Michael Witte Education Center“. Kein Strom, kein fließendes Wasser, keine Kinder, nur ein paar Brüder, die bei Kerzenschein in einem engen Raum beisammen saßen.

Ich schlief neben Hühnern, Ziegen und Kühen und machte die erste Nacht in afrikanischer Hitze und mit Fledermaus, Frosch und Kakerlake als Bettnachbar kein Auge zu. Am nächsten Morgen stand fest: Hier würde ich nicht bleiben. Dem Direktor der Schule, Br. Timothy, machte ich klar, dass ich Geld dafür bezahlt hatte, mir meinen Aufenthaltsort aussuchen zu können. Ich hatte mich auf das Waisenheim vorbereitet und bestand deshalb darauf, dorthin gebracht zu werden. Br. Timothy hatte schon viel mit Deutschen zusammengearbeitet und wusste wohl sehr genau um deren Pingeligkeit was Abmachungen und Planungen anging. Zwei Tage später sollte ich abgeholt werden. In diesen zwei Tagen machte ich mich mit der Gemeinde bekannt – die Menschen schauten mit Vorsicht und Skepsis auf mich und vor allem die Kinder konnten ihre Angst und Neugier vor einem weißen Menschen nicht zurückhalten.

SAM_3004

Als ich abgeholt wurde, versprach ich zurückzukommen, glaubte mir aber selbst nicht.
Im Waisenheim „St. Gerald’s“ habe ich es zwei Monate ausgehalten, von denen ich drei Wochen auf Reisen verbrachte. Als ich ankam waren drei weitere deutsche Freiwillige vor Ort. Mit ihnen und einer Ladung Humor überstand ich die kommenden Wochen. Es gab keine herzliche Begrüßung der Brüder, ich fühlte mich oft mehr lästig als willkommen. Das Geld, das ich für die Unterkunft und Mahlzeiten bezahlte, wurde dagegen mit Kusshand angenommen und in Festgelage der Brüder und Lehrer gesteckt.

Die Kinder hatten einen engen Zeitplan, morgens um 5 wurde geputzt, abends um 10 saßen sie noch zum Selbststudium in ihren Klassenzimmern. Mühsam erkämpfte ich mir ein paar Minuten am Tag, an denen ich mit den Kindern Musik machen konnte. Doch schnell wurden meine Gitarre und ich ihnen zu langweilig. Klamotten, Süßigkeiten, Materielles, das war alles, was die Kinder interessierte – Unterhaltung, Freizeitprogramm, Musik und Spiele, davon hatten sie in den letzten Jahren genug gehabt. Schon viele Freiwillige waren hier gewesen, wir waren nichts als eine Ablösung derer, die vor uns hier gewesen waren und sollten die selben Erwartungen erfüllen. Wer nichts Materielles geben wollte, war uninteressant. Im Unterricht hatten wir nicht viel beizutragen. Den Lehrern waren wir mehr Last als Hilfe und auch ich musste schnell feststellen, dass ich mit den afrikanischen Lehrmethoden und dem Lehrplan nicht zurechtkam. Zu den behandelten Themen hatte ich nichts beizutragen und ohne Stock in der Hand kaum Autorität vor der Klasse.

SAM_1035

So hatte ich mir das alles nicht vorgestellt. Der Komfort war da, fließend Wasser, Strom und ein großes Haus für die Brüder. Doch dafür war ich nicht nach Afrika gekommen. Ich wollte zurück nach Kandongu, zurück zu den Brüdern, die mich ungern gehen lassen hatten und auf meine Mitarbeit gehofft hatten und weg von denen, die mich als Geldgeber annahmen und mir meine Mitarbeit verweigerten. Doch mein Zimmer in Kandongu war mittlerweile belegt, ich hatte weitere zwei Monate zu überbrücken.

Weitere zwei Monate lebte ich mit einer der Freiwilligen an einem Krankenhaus bei indischen Schwestern und zwei kenianischen Priestern. Wir kamen genau zur richtigen Zeit: Wegen eines Streiks der staatlichen Krankenhäuser waren die privaten überfüllt, in jedem Bett drängten sich bis zu drei Patienten, das Personal war überfordert. Wir wurden in der Küche angestellt, um das Essen für 200 Patienten zuzubereiten. Karotten reiben, Kartoffeln schälen, Reis und Bohnen sortieren… daraus bestand unser allmorgendliches Programm. Nachmittags begleiteten wir die Priester auf Messen, Thanksgiving-Feiern, Beerdigungen, Hochzeiten usw. Eine spannende Erfahrung, aber auch hier ging es leider vor allem um Oberflächlichkeiten. Alle wollten uns sehen, an jeder Messe mussten wir eine Rede halten, an jeder Beerdigung ein paar Worte sagen, wir fühlten uns vorgeführt. Jeder wollte unser Freund sein, die meisten nur aus der Hoffnung auf finanzielle Unterstützung. An einer ehrlichen Freundschaft auf tieferer Ebene war niemand interessiert. Im Krankenhaus gab es zwar Arbeit, die wir allerdings nur verlangsamten – das stundenlange Schälen und Reiben im Rauch des Feuers waren wir nicht gewöhnt.

SAM_1034

Es wurde Zeit, zurück nach Kandongu zu gehen. Im Februar 2013 konnte ich endlich dorthin zurück, wo ich vor vier Monaten angekommen und so schnell wie möglich wieder abgehauen war. Und jetzt endlich begann mein Leben in Afrika, wie ich es mir erträumt hatte. Die kleine Schule mit ihren damals 90 Schülern brauchte mich, nicht für ihren Ruf, nicht für Geld, sondern für meine Arbeit mit den Kindern. Ich unterstützte die Lehrer im Unterricht, bastelte und malte Unterrichtsmaterialien, unterrichtete Sport, Creative Arts und – endlich – Musik. Die Lehrer nahmen meine Ideen dankend an, doch vor allem lernte ich hier einiges von ihnen. Die Brüder und Lehrer nahmen mich auf wie eine Familie, wir teilten fünf Monate lang unseren Alltag und wurden gute Freunde.

SAM_3581

Die Kinder fragten nicht nach Süßigkeiten, nicht nach Geld, sie fragten nach gar nichts. Strahlend empfingen sie mich, wenn ich mit meiner Gitarre zu ihnen kam, sie waren dankbar für jedes Lied und jedes Spiel, das ich mit ihnen teilte. Dieser Ort war nach vier Monaten der erste, an dem Menschlichkeit vor Materialität stand, an dem es allein um das Wohl der Kinder ging – es war der erste Ort, an dem ich mich zu Hause fühlte.

Eine halbfertige Schule, ohne ausreichend Klassenzimmer, ohne Strom und Wasser, doch die Menschen schienen so viel zufriedener, glücklicher und dankbarer als alle, die ich vorher getroffen hatte. Keiner hier hatte mich je nach Geld gefragt, also beschloss ich welches zu geben…

Bisherige Erfolge